„Schluss mit seelenlosen Schachteln“

Wenn modulares Bauen Schule macht: ein Vorreiter-Projekt von Wulf Architekten in München.

Vier Grundschulen an vier Standorten: Im vielbeachteten Münchner Projekt lotet das Stuttgarter Büro Wulf Architekten die Möglichkeiten und Grenzen der Modulbauweise aus. Mit Erfolg: Das Projekt wurde für die Shortlist des DAM Preises für Architektur in Deutschland 2019 ausgewählt. Gegründet 1987 von Tobias Wulf, hat das Büro heute 130 Mitarbeiter aus 20 Nationen mit Schwerpunkt öffentliche Bauten und Kulturbauten. Im Fokus: Wie wir zukünftig als Gesellschaft leben und kulturelle Werte schaffen. Im Interview spricht Tobias Wulf, Jahrgang 1956, über Identifikation, Individualität und die Idee des seriellen Bauens.


Worin liegen die Vorteile und Nachteile einer Modulbauweise?

Die Nachteile liegen auf der Hand und sind seit Jahrzehnten bekannt: Monotonie, Seelenlosigkeit, Pauschalität, Ökonomismus, fehlende Identifikation infolge fehlender Individualität. Deshalb ist das Thema Modularität im Bauwesen lange Zeit in Verruf geraten. Erst in jüngster Zeit erfährt das modulare Denken, Entwerfen und Bauen eine Neubewertung. Der Anlass liegt in erster Linie beim sprunghaft gestiegenen Bedarf an Wohn- und Schulbauten, der möglichst schnell, dabei durchaus kostengünstig und umfassend gedeckt werden muss. Der wesentliche Punkt ist eindeutig der Zeitfaktor. Unsere stark regulierten Vergabemechanismen sind jedoch bisher keineswegs darauf eingestellt, die möglichen Vorteile in puncto Schnelligkeit und Kostenvorteil zu nutzen.

Was gab es daher konzeptionell zu beachten bei den vier realisierten Grundschulen in München?

Die Grundschüler verlassen mit dem Schuleintritt zum ersten Mal für längere Zeit ihr behütetes Zuhause. Die Schule muss diesen Verlust ersetzen, insbesondere als Ganztagesschule. Die Kinder sollten sich in der Schule wie in einem zweiten Zuhause fühlen. Und hier kommt der Raum ins Spiel. Er muss atmosphärische Werte bieten, die diese Identifikation mit der Schule leisten können. Dies umso mehr, je mehr Schulen gleicher Bauweise es gibt. Aus diesem Grund haben wir die Tonnengewölbe als raumbildende Deckenkonstruktion eingesetzt. Der Raum ist somit keine seelenlose Schachtel, sondern ein Ort, an den man sich sein Leben lang gerne erinnert. Die Tonnenschalen lassen sich im Werk seriell herstellen und auf der Baustelle viel schneller montieren als bei einer konventionellen Bauweise.

Wie wurden die vier Projekte individualisiert?

Das einzige, immer gleichbleibende Element ist das Lernhaus mit seinen Grundrissabmessungen von etwa 30 auf 30 Metern. Dieses wurde an den unterschiedlichen Standorten in unterschiedlicher Anzahl addiert, die Schulen sind mal dreizügig, mal fünfzügig. Dazu kommen je nach Standort unterschiedliche weitere Nutzungen, beispielsweise als Kita oder als Sporthalle (Zweifachhalle oder Dreifachhalle), die teilweise in den Schulbaukörper integriert sind. Auf diese Weise sind unterschiedliche Grundfigurationen des Baukörpers realisiert worden. So war es möglich, auf die unterschiedlichen städtebaulichen Kontexte zu reagieren, allerdings eingeschränkt durch die Größe der Module. Rein gestalterische Unterscheidungen, sei es bezüglich der Materialität oder der Farbgebung der Fassaden, waren weder notwendig noch sinnvoll. Nur bei der Gestaltung der Kuschelecken in den Lernhäusern wurden unterschiedliche Farben eingesetzt.
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Stichwort „Bauen der Zukunft“: In welchen Segmenten/Bereichen sehen Sie zukünftig einen besonders sinnvollen Nutzen für modulare Baukonzepte?

Grundsätzlich ist fast alles Bauen modular. Je kleiner das Modul, beispielsweise der Backstein, desto individueller die Planung. Je größer das Modul, desto rationeller die Herstellung. Der Planungsprozess wird durch die Modularität nicht per se effektiver oder günstiger, da die Schwierigkeiten in Bezug des Eingehens auf den Kontext der Umgebung komplexer und meist auch widriger werden. Hier sehe ich die Grenzen der Modularität. Aus meiner Sicht eignet sich das Thema der Modularität nicht nur für Wohnbauten, Gewerbebauten und Schulbauten, sondern auch für Sportbauten, Hochschulbauten und sogar für Kulturbauten wie Museen, Theater etc., deren Grundrisstypologien häufig genormt bzw. festgelegt sind. Das heißt aber keineswegs, dass solche Gebäude gleich aussehen sollten. Grundsätzlich ist aus meiner Sicht nichts dagegen einzuwenden, wenn etwas wiederholt wird, was wirklich gut ist. Es ist wie immer zuerst eine Frage der Architekturqualität.

Autor: Franziska Horn, Fotos: © Brigida González

LEITTHEMA Integral: Systeme + Konstruktionen
Je komplexer das Bauen wird, desto größer ist andererseits der Drang zur Vereinfachung. Der Schlüssel dazu liegt in der Vorfertigung und in der modularen Systembauweise. Informieren Sie sich auf der BAU in München über integrale Systeme in der Gebäudegestaltung. Zahlreiche renommierte Aussteller werden die verschiedenen Aspekte erörtern und entsprechende Lösungen anbieten.

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