Interview: Das Projekt Smart Material House

Im Gespräch mit Frank Barkow

Gemeinsam mit Mike Schlaich vom Institut für Massivbau an der TU Berlin entwickelte der renommierte Architekt Frank Barkow (Barkow Leibinger) den preisgekrönten Prototypen eines Infraleichtbetons. Für die IBA Hamburg planen Sie ein Smart Material House, bei dem dieses neuartig zusammengesetzte Material zumindest theoretisch eine erste Anwendung erfahren könnte. Wir haben mit dem Berliner Architekten über seine Visionen gesprochen.

Sie haben für die IBA in Hamburg das Smart Material House entwickelt. Erklären Sie uns die Smartness des Hauses.

Wir wollten ganz bewusst ein Haus entwerfen, bei dem die Smartness in möglichst einfachen Materialien liegt und nicht im Einbau von High-Tech-Spielereien. Wir verwenden Beton und Holz, die aber beide, ausgehend von ihrer ursprünglichen Erscheinungsform, zu Hochleistungswerkstoffen weiterentwickelt wurden. Für die Geschossdecken sind Brettschichtholzplatten vorgesehen, die bei extrem hoher Stabilität sehr gute Umweltkennzahlen aufweisen. Die Wände sind aus Infraleichtbeton.

Können Smart Materials – in diesem Fall der Infraleichtbeton – außer Energieeinsparungen eine neue räumliche Qualität oder vielleicht sogar eine eigene Architektursprache erzeugen? Gibt es vielleicht sogar ein plastisches Potential?

Mit ihren konvexen oder konkaven Schwüngen bilden die massiven Wandscheiben die Wohnräume und Loggien aus. Die dicken Wände haben eine Ästhetik, die an den Barock erinnert, an massive und skulpturale Raumbegrenzungen, die seit der Moderne lange Zeit undenkbar waren. Da ging es ja um die Auflösung des Materials, um Immaterialität, fast Schwerelosigkeit. Unsere schweren Wände lassen sich auch wieder plastisch gestalten, man kann Nischen ausbilden, sichtbare und spürbare Leibungen, es hat auch etwas Spielerisches.

Steht der Infraleichtbeton nicht auch für eine neue Nachhaltigkeit, da er im Gegensatz zu den allgegenwärtigen Wärmedämm-Verbundsystemen tatsächlich eine Beständigkeit aufweist?

Viele Eigenschaften dieses Materials werden gerade erst erforscht. Aber grundsätzlich ist es bestimmt nachhaltiger – und auch ästhetisch weniger fragwürdig – ,wenn die tragende Struktur ihre Wärmedämmung schon „mitbringt“ und diese nicht nachträglich aufgeklebt wird. Diese monolithische Bauweise hat den Vorteil, dass alle bauphysikalischen Eigenschaften der Fassade in einer Schicht vereint sind, das heißt, es bedarf keiner zusätzlicher Materialien, die weitere graue Energie verbrauchen würden. Und die Instandhaltungsmaßnahmen, die bei herkömmlichen Fassaden üblich sind, fallen hier auch viel einfacher aus.

Woher kommt der Forschungs- und Innovations-Anspruch der Architektur?

Der ist systemimmanent. Die ganze Architekturgeschichte ist doch eine einzige Geschichte von Erfindungen und materialbezogenen Innovationen. Wo wären wir, wenn nicht jemand einfach mal versucht hätte, Bewehrung in Beton einzulegen, ein Stahlskelett besonders filigran auszubilden oder einen Raum mit einer dünnen Schale zu überspannen? Es gibt immer wieder Entwicklungsschritte, mit denen auch aus altbekannten Materialien ganz neue Potenziale und Möglichkeiten entstehen. Man braucht so etwas vielleicht nicht beim Wiederaufbau von Schlössern – aber ein solcher Forschungsanspruch bringt die Architektur immer wieder voran.

Was sind die nächsten Schritte? Besteht die Chance, dass ihr Smart Material House gebaut wird?

Das hoffen wir natürlich sehr, obwohl es zur IBA inzwischen zeitlich sehr knapp wird. Seit Beginn des Wettbewerbs 2009 haben wir nach Sponsoren und Partnern gesucht, aber bisher kam leider keine Kooperation zustande. Auch in einer modifizierten Version als eingeschossigen temporären Pavillon haben wir das Projekt präsentiert. Es scheint, als wäre es noch etwas „zu früh“ für dieses Smart Material – so hat es uns jedenfalls ein möglicher Sponsor erklärt. Schade, dass die Investition in etwas Neues als ein so großes Wagnis gilt und man dann doch oft lieber beim Altbekannten bleibt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Tim Berge

Bilder: Barkow Leibinger

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