Interview: The next big thing?

Im Gespräch mit Adeline Seidel

Die Publizistin und Architektin Adeline Seidel beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der „Zukunft des Bauens“. Sie ist unter anderem Co-Autorin der Mikrotrendstudie und des Trendreports 2013 des renommierten Zukunftsinstituts von Matthias Horx und forscht derzeit zur „Zukunft des Wohnens“. Von Data-Mining über Nachhaltigkeit bis Urban Farming – wir haben mit ihr über kleine und große Trends gesprochen.

Ihr Buch „Building the Future“ fragt nach den Maßstäben des nachhaltigen Bauens? Wie lautet die Antwort – was und wer bringt uns hier wirklich weiter?

Was wirklich nachhaltig ist, weiß niemand so genau. Standards, gesicherte Erkenntnisse und klare Handlungsanweisungen gelten immer nur vorübergehend. Die Komplexität des Themas überfordert nicht nur den Einzelnen, sondern auch das gesamte mediale und wissenschaftliche System. Jüngst zeigte etwa eine Studie des Umweltbundesamtes auf, dass die wahre Ökoheldin die arme, bescheiden lebende Rentnerin ist, deren finanzielle Möglichkeiten einen aufwendigen Lebensstil gar nicht erlauben, während die untersuchten Vertreter der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) eine erheblich schlechtere Ökobilanz hatten. Noch frisch in den Ohren ist der kurzgedachte Schnellschuss E10, der vermeintliche teuere Ökostrom oder die ewige, hoch emotional geführte, Diskussion „Dämmung versus Baukultur“. Letzteres Thema gehört eher zur Kategorie Sondermüll analog zu den EPS-Dämmstoffen, die wir als genau solche entsorgen werden und die sicher keine längerfristige Lösung sind. Mit anderen Worten: Es gilt, kurzgedachtes oder rein marketing-getriebenes Handeln zu vermeiden. Was uns in der Nachhaltigkeitsdebatte weiterbringt, ist gesunder Pragmatismus, belegbar in Zahlen, Daten und Fakten – und zwar mit einem Blick auf lange Sicht. 

Aber sind wir mit Zertifizierungen und Energieeinsparverordnung nicht schon lange auf dem Weg zu einem solchen mit Zahlen belegbaren Erkenntnis- beziehungsweise Bewertungssystems? Nur lässt sich „Schönheit“ eben schwer in Kennzahlen packen...

In unserem Buch „Building the Future – Maßstäbe des nachhaltigen Bauens“ zeigen wir mit spannenden Beispielen, dass sich nachhaltiges Bauen nicht allein in der Gebäudetechnik entscheidet, sondern dass jede Herangehensweise den lokalen und globalen Kontext mit einbeziehen muss – wie beispielsweise das Patchwork-Haus von Pfeifer Kuhn Architekten mit seinem „kybernetischen“ Ansatz oder auch das Gesamtkonzept der Habitat Initiative Cabo Delgado von Eike Roswag. Beides sind gelungene Projekte des nachhaltigen Bauens, auch aus ästhetischer Sicht. Lösungen sind nicht übertragbar, sondern müssen maßgeschneidert werden. Die unterschiedlichen Bewertungs- und Zertifizierungssysteme waren (und sind noch) hilfreich, um die Diskussion anzufeuern und Entwicklungen anzutreiben. Aber auch hier braucht es eine reflektierte Auseinandersetzung. Die EneV berücksichtig noch immer nicht, dass Gebäude auch Energiegewinne erzielen können und eine gedämmte Wand eben keine Sonnenenergie speichert. In Zukunft werden diese Zertifizierungen aber nicht mehr so wichtig sein. Mittlerweile will jeder Bauherr ein effizientes Gebäude, weil es sich rechnet – unabhängig von Urkunden und Medaillen. Nachhaltiges Bauen wird so zum Standard und wir werden weniger auf Energiewerte als wieder vielmehr auf stimmige, in diesem Sinne auch schöne Konzepte fokussieren.

Was ist dann aus Ihrer Sicht the next big thing, das maßgeblich die Art, wie wir bauen und Stadt gestalten, beeinflussen wird?

Das sind vor allem die langfristigen Trends – in der Zukunftsforschung werden sie als Megatrends bezeichnet – wie beispielsweise der demographische Wandel und die zunehmende Digitalisierung. Formale Modeerscheinungen, die gerne als „next big thing“ gesehen werden, besitzen aufgrund der „Zeitintensität“ der Branche selbst, oft nur geringe Relevanz. Eines der wichtigsten Zukunftsthemen ist und bleibt die Mobilität. Sie wird vielfältiger. Gerade die 21-29-Jährigen verlieren zunehmend das Interesse am Statussymbol Auto. Die Anzahl der Car-Sharing-Nutzer in den Städten hat sich in den vergangen zehn Jahren verfünffacht, gleichzeitig tragen Entwicklungen wie das E-Bike dazu bei, bergige und ländliche Regionen unabhängig von Auto und ÖPNV „erfahrbar“ zu machen. In Zukunft wird es darum gehen, die Nutzung unterschiedlicher Fortbewegungssysteme unkompliziert zu gestalten. 

Also durch Konzepte wie das über das Smartphone buchbare Car2Go oder DB-Fahrrad?

Ja, das Smartphone ist ein wichtiger Schlüssel zum kombinierten Verkehr. Dank „Appisierung“ werden Verkehrsdienstleistungen immer alltagstauglicher. Für Städte heißt das umdenken, wenn sie attraktiv bleiben wollen. Kopenhagen bietet seinen radelnden Bewohnern etwa grüne Schnellrouten. Veränderte Mobilität führt auch zu neuen „Freiräumen“. Mobile Endgeräte erlauben uns, öffentliche Räume vielfältiger zu nutzen: Diese „dritten Orte“ werden zunehmend als Erweiterung der eigenen vier Wände begriffen und mit steigendenden Ansprüchen als Lebensraum betrachtet, als Teil einer Stadtlandschaft mit hoher Lebensqualität. 

In der Mikrotrend-Studie des Zukunftsinstitut werden aktuelle Phänomene wie „Community Dinners“ im öffentlichen Raum oder „Urban Gardening & Farming“, also Gärtnern und Landwirtschaft in der Stadt, beschrieben. Werden diese „dritten urbanen Orte“ also zunehmend informell und partizipativ gestaltet? Welche Relevanz haben solche Trends für Architektur und Stadtgestaltung?

Es gibt zahlreiche kleine Trends, die Architektur und Stadtgestaltung mittel- bis langfrisitig beeinflussen. Man sollte sie nur nicht einfach „linear in die Zukunft verlängern“ und dementsprechend unterkomplex betrachten. Nur weil gerade in Berlin an fast jeder Brache gesät und geerntet wird, bedeutet das nicht, dass Stadtbewohner zu Selbstversorgern und Landschaftsplaner obsolet werden. Vielmehr trägt Urban Gardening dazu bei, neue Grünräume in der Stadt zu testen, partizipative Prozesse zu gestalten und das Bewusstsein für lokales Wirtschaften und Handeln zu stärken. Zudem entwickeln Entrepreneure ökonomisch tragbare Modelle, die aus Gärtnern urbane Landwirte machen. Das ist sicher ein wichtiger Zwischenschritt um Vertical Farming, also Landwirtschaft auf und an Gebäuden in greifbare Nähe zu rücken – und da kommt dann auch wieder die Architektur ins Spiel. 

Es scheint also einerseits eine gewisse Sehnsucht nach „Ursprünglichkeit“ zu bestehen – gemeinsam Kartoffeln zu pflanzen – andererseits wird unser Alltag in der Stadt von immer komplexeren Technologien und Datenströmen gesteuert. Sie haben sich intensiv mit dem sogenannten „Data-Mining“ beschäftigt. Wird das systematische Erfassen und Verwerten von Daten die „Zukunft des Bauens“ noch stärker bestimmen?

Datenbasierte Steuerungstechnik und Data-Mining sind natürlich für die Bauwirtschaft relevant. Allerdings muss die Branche aus dem reinen Technologie-Fetisch heraustreten. Wie oft wurde schon über den Kühlschrank geschrieben, der die Milch online bestellt? Oder das Smart-Home-System, bei dem der Nutzer sein persönliches Ambiente-System per Fernbedienung steuern kann? Das alles ist für ein Wohnerlebnis nicht von zentraler Bedeutung. Spannend aber wird es, wenn das Smart-Home-System beispielsweise ein Gebäude mit Daten der Wetterprognose energieeffizient steuern kann und dadurch den Energieverbrauch erheblich senkt. Echtzeit-Daten und Analysen im städtischen Kontext stehen noch ganz am Anfang. Sie sind ein erster Schritt, das System „Stadt“ effizienter zu steuern und nachhaltiger zu wirtschaften – und das ist nur eine von vielen Möglichkeiten der Anwendung. 

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Franziska Eidner.

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