Ab in die Vertikale! Das Hochhaus im Fokus

Im Gespräch mit Stefano Boeri, Preisträger des Internationalen Hochhaus Preises 2014

Das Hochhaus hat sein schlechtes Image verloren. Besonders Wohnhochhäuser liegen zunehmend im Trend. Das zeigt auch eines der Leitthemen der BAU 2015 „Mensch und Gebäude“ mit dem Fokus Hochhaus – und das zeigt alle zwei Jahre das Ergebnis des Internationalen Hochhaus Preises (IHP). Wir haben uns dem Thema Hochhaus angenähert und mit dem frisch gekürten IHP-Preisträger Stefano Boeri über aktuelle Entwicklungstrends in Sachen Vertikale Architektur gesprochen.

Vertikale Kommunen

Menschen wohnen gerne im Hochhaus, das bestätigen beispielsweise Studien, die der Architekturpsychologe Peter Richter im Interview mit der Süddeutschen Zeitung zitiert. Neue Formen dieser Typologie, wie Hochhäuser in Holzbauweise oder „Vertikale Gärten“, erhöhen die Sympathiewerte. Vor allem aber ist das Wohnhochhaus zum Rezept gegen die Flächenausdehnung der Metropolen weltweit durch die rasant wachsende Verstädterung avanciert. „Verdichtung“ lautet das Zauberwort, um die landflüchtigen Menschenmassen unterzubringen, und wie könnte das platzsparender geschehen, als mit in die Vertikale gestapeltem Lebensraum? Aber nicht als unwirtliche Großsiedlung am Stadtrand, wie es die Nachkriegsmoderne vorschlug, sondern als grünes Hochhaus mittendrin.

Holz galt  bis vor kurzem als ungeeignet im Hochhausbau – diese Ansicht hat sich gründlich gewandelt. Seit 2008 steht in London ein hölzerner Neungeschosser. Einen Wohnturm aus Holz mit 34 Etagen und damit eine echte Innovation im Hochhausbau, mit dem C. F. Møller 2013 einen Wettbewerb gewonnen haben, stellt das dänische Büro auf der BAU 2015 vor. Es soll in Stockholm wachsen und wird schon durch die Materialwahl zu seiner Beliebtheit beitragen.

Häuser wachsen nicht nur in die Höhe, sondern auch an gewandelten Bedürfnissen

Lebensbedürfnisse ändern sich. Räume werden immer weniger eindeutigen Nutzungen zugeordnet, denn die Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten zerfließt. Kleinstküchen sind lange schon nicht mehr angesagt. Auf all diese sich wandelnden Anforderungen kann man mit flexibel nutzbaren Zimmern, mehrfach verwendbaren Übergangszonen und offenen Wohnküchen reagieren. Das gilt für das Ein- und Mehrfamilienhaus, aber eben auch für Wohnraum oberhalb der vertrauten Traufkante. Bei geschickter Anordnung der Häuser bieten zudem weite Blicke zusätzlich Lebensqualität. Aufenthaltsflächen über die eigenen vier Wände hinaus sind beliebt, Gemeinschaft funktioniert auch auf hoch gelegenen Wohnfluren sowie auf zwischen öffentlich und privat changierenden Flächen. Und ein (windgeschützter) Dachgarten birgt allemal mehr Großstadtromantik als der holzvertäfelte Hobbykeller.

Bestes Hochhaus 2014: "Bosco Verticale" in Mailand - Europas erster vertikaler Wald

Ein Wohnhochhaus besonderer Art wurde im Juni 2014 in Mailand fertiggestellt. Jetzt erhielten Stefano Boeri (Stefano Boeri Architetti) und der Bauherr Manfredi Catella (Hines Italia SGR S.p.A.) eine im doppelten Sinn hohe Anerkennung. Für „Bosco Verticale“, ein Wohnturm-Duo aus rechtwinklig zueinander gestellten Hochhäusern, nahmen sie am 19. November in der Frankfurter Paulskirche den Internationalen Hochhaus Preis 2014 entgegen.

Auf dem Dach und den unterschiedlich weit vorspringenden Terrassen der 112 und 80 Meter hohen Türme wachsen einige hundert Bäume sowie zahlreiche andere Pflanzen. Die Grünplanerinnen waren Laura Gatti und Emanuela Borio. „Bosco Verticale“ entspricht einem Hektar Waldfläche beziehungsweise 50.000 Quadratmetern an Einfamilienhäusern. Das grüne Duo trägt zur Rehabilitierung eines innerstädtischen Viertels bei und filtert die stickige Mailänder Luft. Die Gärten werden überwiegend mit Grauwasser versorgt, der Energiebedarf weitgehend durch Photovoltaik und Windanlagen gedeckt.

Wir haben Stefano Boeri gefragt, ob dieses Wohnmodell Schule machen kann (muss?!), und wie es mit den grünen Hochhäusern weitergeht.

Begrünte Hochhäuser: Das haben die Preisträger des IHP 2010, WOHA aus Singapur, mit „The Met“ in Bangkok vorgemacht. Hatte dieses Haus Vorbildcharakter für Ihren „Bosco Verticale“?

Nicht allein „The Met“. Es gibt ja inzwischen mehrere grüne Hochhäuser; „Bosco Verticale“ ist also Teil einer Familie. Es ging uns in erster Linie darum, eine Balance zwischen städtischem Wohnen und der Natur herzustellen.

Man kennt vertikale Gärten bisher aus tropischen Klimazonen. Ist dieses Modell auch auf kühle oder sogar kalte Regionen übertragbar?

In Europa sind „Bosco Verticale“ die ersten Hochhäuser dieser Art, und es wurden auch noch nie so viele Bäume und verschiedene Pflanzen in ein Haus integriert. Es sind sogar schon Vögel eingezogen. Das geht mit der entsprechenden Vegetation auch in anderen Gegenden. „Bosco Verticale“ ist ein Experiment; ich bin sehr gespannt und optimistisch, dass es funktioniert. 

Wie wird der vertikale Wald seine Bewohner beeinflussen oder umgekehrt? Und: Gibt es Gemeinschaftsflächen, etwa eine Dachterrasse?

Es wohnen bereits 30 Familien in den Häusern; die Leute wussten natürlich, dass sie sich einen etwas anderen Ort gewählt haben. Wir haben lange überlegt, den Bewohnern selbst die Bepflanzung zu überlassen. Und uns letztendlich dagegen entschieden, weil wir glauben, dass einer „kontrollierten“ Begrünung mehr Respekt entgegen gebracht wird. Im Kleinen können die Bewohner aber ihre Terrassen selbst gestalten. Eine allgemeine Dachterrasse gibt es (noch) nicht – hier läuft gerade ein Experiment mit nicht kontrolliertem und spontanem Wachstum.

Aus gutem Grund haben „The Met” und „Bosco Verticale” Vorbildcharakter für die dringend notwendige Verdichtung der Metropolen weltweit. Aber noch können sich nur Besserverdienende solche Wohnungen leisten. Wie sehen Sie die Zukunft der grünen Hochhäuser – können sie auch für breitere Schichten Schule machen?

Ja! „Bosco Verticale“ ist ein Prototyp. Er war teuer; der Bauherr war bereit, viel Geld für seine Erprobung auszugeben. Aber jetzt wissen wir, wie es geht, die Bäume selbst kosten nicht viel. Ich glaube, dass auch Sozialwohnungsbau auf diese Art möglich ist. 

(Text und Interview von Christina Gräwe)

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